Seit diesem Sommer rollt und klackert es auf dem Freigelände hinter dem Museum Quintana: Eine interaktive Kugelbahninstallation des Schweizer Künstlers Hanns-Martin Wagner lädt Kinder wie Erwachsene ein, Kugeln auf die Reise zu schicken - und dabei selbst in Bewegung zu kommen. Die Leihgabe ist der erste sichtbare Meilenstein des Projekts "Die Neuen Auftraggeber von Künzing", mit dem eine Gruppe von elf Bürgerinnen und Bürgern das römische Erbe ihres Ortes aus der Unsichtbarkeit holen will.
Künzing zählt zu den geschichtsträchtigsten Orten Niederbayerns. In römischer Zeit lagen hier das Kastell Quintana und seine Zivilsiedlung, zu der auch ein hölzernes Amphitheater gehörte - eine archäologische Sensation, die 2003 bei Ausgrabungen entdeckt wurde und bis heute eines von nur zwei archäologisch gesicherten Holzamphitheatern in Deutschland ist. Seit Juli 2021 sind die im Boden erhaltenen Überreste Teil des UNESCO-Welterbe "Grenzen des Römischen Reiches - Donaulimes (westlicher Abschnitt)". Doch wie an vielen Stationen des bayerischen Donaulimes ist das Welterbe im Ortsbild kaum wahrnehmbar: Nur eine stilisierte hölzerne Teilrekonstruktion markiert das Bodendenkmal.
Um das zu ändern, beauftragte der Gemeinderat im Jahr 2022 Museumleiter Dr. Roman Weindl mit einem Bürgerbeteiligungsprojekt zur Sichtbarmachung des Welterbes. Über die Welterbekoordination wurde die Gemeinde auf das Modell der Neuen Auftraggeber aufmerksam, das es Bürgerinnen und Bürger ermöglicht, gemeinsam mit professionellen Künstler:innen Kunstwerke für ihr Lebensumfeld in Auftrag zu geben. Weindl wurde im Rahmen des Mentoring-Programms (Mentor: Holger Friese) selbst Mediator im Netzwerk der Neuen Auftraggeber. Zugleich fand sich bei zwei öffentlichen Veranstaltungen eine Auftraggebergruppe zusammen, die in mehreren Gesprächsrunden ihren Auftrag formulierten.
„Wir wollen, dass unser Ort Künzing kein reiner Ort für den Durchgangsverkehr bleibt, sondern zu einem Verweilort wird. Künzing hat eine bedeutende Geschichte, die aber für viele Menschen unsichtbar bleibt. Das soll sich ändern! Wir möchten, dass die römische Geschichte von Künzing auch außerhalb unseres Museums sichtbar und begreifbar wird. Bei Einheimischen wie Durchreisenden soll ein Bewusstsein für das Welterbe in Künzing erweckt werden. Dafür wünschen wir uns Flächen im Ortskern, auf denen das Welterbe Donaulimes in Künzing durch Spiel und Bewegung erlebt werden kann.“
Auf der Grundlage dieses Auftrags fiel die Wahl der Gruppe im Herbst 2025 auf Hanns-Martin Wagner. Mediator Roman Weindl hatte der Gruppe den Schweizer Künstler vorgeschlagen. Hanns Martin Wagner beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit Kinetik und Spiel; interaktive Kugelbahnen, die er mit seiner Sinnwerkstatt für Museen und öffentliche Räume in Europa und darüber hinaus realisiert hat, spielen in seinem Werk eine zentrale Rolle. Beim Ortstermin im Herbst 2025 besuchte Wagner das Museum Quintana und die Auftraggebergruppe und besichtigte mit ihr das Freigelände hinter dem Museum, auf dem das künftige Kunstwerk entstehen soll.
Den Auftraggeber:innen war eine rasche Umsetzung wichtig – schon im Sommer 2026 sollte in Künzing etwas passieren. Um zugleich zu erproben, ob die Arbeitsweise des Künstlers den eigenen Vorstellungen entspricht, wurde eine Leihgabe organisiert: die interaktive Kugelbahninstallation, die 2023 anlässlich des Jubiläums „500 Joor zämme“ von Basel und Riehen entstand. Dank der großzügigen Finanzierung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und den Museumsverein Künzing ist sie nun ein Jahr lang hinter dem Museum zu erleben – und zieht dort bereits zahlreiche Kinder, insbesondere Schulklassen, sowie Familien an.
„Der Zuspruch zeigt uns: Spiel und Bewegung sind genau der richtige Weg, um das Welterbe erlebbar zu machen“, sagt Mediator und Museumsleiter Dr. Roman Weindl. „Das Kunstwerk, das hier entstehen soll, ist kein Projekt des Museums oder der Gemeinde – es ist das Projekt der Künzinger Auftraggeberinnen und Auftraggeber.“
Im Jahr 2027 folgt der nächste Schritt: Auf Basis der konkreten Wünsche der Auftraggebergruppe entwickelt Hanns-Martin Wagner einen künstlerischen Entwurf, der anschließend realisiert werden soll. So soll aus dem „unsichtbaren“ Welterbe ein Ort werden, der Einheimische wie Durchreisende zum Anhalten, Spielen und Verweilen einlädt.
Die Neuen Auftraggeber von Künzing sind: Carina Bachl, Manuela Bruckmeier, Daniela Feilmeier, Cordula Fischer, Johann Haböck, Christine Kastenmeier, Elisabeth Kühmeier, Josef Kühmeier, Karin Sedlmeier, Martina Vogl, Kathrin Zitzlsperger.
ÜBER DIE NEUEN AUFTRAGGEBER
Das Modell Neue Auftraggeber ist eine Kulturtechnik für Kunst im Bürgerauftrag. Sie ermöglicht es bürgerschaftlichen Gruppen – „Neuen Auftraggebern“, in Eigeninitiative begleitet von professionellen Kulturmediator:innen gemeinnützige, öffentliche und nichtkommerzielle Kulturgüter in Auftrag zu geben. Erfahrene internationale Künstler:innen wie Rimini Protokoll, Daniel Knorr oder Ruth Buchanan entwickeln Kunstwerke aller Sparten im Bürgerauftrag, die Antworten auf drängende Anliegen geben und zum Ausdruck bringen, was den Menschen in ihrer Stadt oder ihrem Dorf wichtig ist. Neue Auftraggeber engagieren sich auf dem Dorfplatz und im Rathaus, in der Unimensa, im Jugendzentrum und beim Arbeitslosentreffpunkt. Sie wohnen in ländlichen Regionen oder in urbanen Zentren, im Einfamilienhaus oder im Plattenbau. Hinter der Kunst im Bürgerauftrag steht ein Netzwerk von Mediator:innen und Kulturarbeiter:innen, die deutschlandweit bürgerschaftlich initiierte Projekte der Kunst und Kultur nach dem Modell Neue Auftraggeber unterstützen und begleiten. Dabei kooperieren sie mit diversen Trägern wie Kulturinstitutionen, Kommunen und Landkreisen, sowie mit privaten und öffentlichen Förderprogrammen. Vor allem aber sind sie Partner für Bürger:innen, die etwas Außergewöhnliches schaffen wollen.